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Bischöfin Kirsten Fehrs: Die Wahrheit sagen

Predigt am 11. November 2012

Liebe Gemeinde!

Es war eine besondere Zeit, als Paulus die eben gehörten Worte schrieb. Keine 20 Jahre zuvor war Jesus hingerichtet worden. Und: wurde auferweckt. Wahrlich Gottes Sohn, der Messias, das war er! Die Christen in Thessaloniki um 50 n. Christus erinnern sich genau. Jesus lebt, sagen sie. Und deshalb sollen auch wir leben. So angefeindet wir auch sind.

Und seitdem warten sie, dass er wiederkommt. Auf Wolken, mit Pauken, Engel und Posaunen. Damit dann ein neues Leben beginnt. In Gottes Reich. Dort wo kein Leid mehr ist, keine Verfolgung, keine Tränen. 

Doch immer wieder quälen sie Zweifel. Sie trauen sich nicht zu glauben, was sie nicht sehen. Werden ungeduldig. Etliche sind schon darüber gestorben. So menschlich ist diese Ungeduld. Nicht nur damals. Denn wer unter uns kennte solch Verzagtheit nicht?!

Paulus will trösten. Sie – und uns. Trauert nicht wie die, die keine Hoffnung haben!, sagt er. Erinnert euch, was der Auferstandene euch mit gegeben hat. Die heilsame Berührung, das Brotbrechen, die Dankbarkeit. Liebe, die niemals aufhört. Erinnert euch. Denn Gott hat der Erinnerung eine Schwester gegeben: die Hoffnung. Sie ist da. Leise. Aufmerksam. Nicht selten, wenn wir den Kopf hängen lassen, hebt sie unser Kinn hoch und sagt: schau mich an. Da ist nicht nur das, was dich quält und lähmt und traurig macht. Schau mich an, da ist doch auch Gnade und Licht!

Es war eine besonders dunkle Zeit damals vor nunmehr 69 Jahren, liebe Gemeinde. Als am 10. November 1943 vier Lübecker Geistliche im Hamburger Gefängnis am Holstenglacis mit dem Fallbeil hingerichtet werden. Im Minutentakt sterben Karl Friedrich Stellbrink, Pastor der Lutherkirche in Lübeck und die katholischen Kapläne der Herz-Jesu-Kirche, Hermann Lange, Eduard Müller und Johannes Prassek. Vom nationalsozialistischen Volksgerichtshof im Juni 1943 verurteilt wegen ‚Wehrkraftzersetzung und Abhören von Feindsendern´.

Es war eine schlimme, furchtbare Zeit damals, in Hamburg und Lübeck, in Nazideutschland und weltweit. Denn die Hitlerdiktatur hatte jahrelang schon Krieg und Elend und Verderben über die Welt gebracht. Doch immer noch, 1943, jubeln so viele dem Diktator zu, der sich gottgleich inszeniert als Lichtgestalt. Im Schatten dessen die vielen anderen. Verhuscht. Beschämt. Verängstigt. Unerwünscht. Angefeindet. Nicht gleich geschaltet. Und wer dann nicht gleich geschaltet hat und emigriert ist, durchleidet Gefangenschaft. KZ, Gestapo, Folterschrei und Friedhofstille. Und die anderen, sie jubeln darüber hinweg. Immer noch. Manche bis heute.

Wir wissen nur zu gut, dass auch etliche in unseren Kirchen sich haben verführen lassen. Von Macht. Einfluss. Der „neuen Zeit“. Wir wissen – heute! – dass wir Kirchen hätten mutiger widerstehen, klarer Widerworte sprechen und inständiger hätten beten müssen. Und dass wir der Gleichschaltung in den Kirchen Hausverbot hätten erteilen müssen. Doch hier in Hamburg wurde in der evangelischen Landeskirche mit Bischof Tügel ein nazitreuer Landesbischof installiert (welch belastende Berühmtheit für „mein“ St. Jacobi…)

Und auch in der Lübecker evangelischen Landeskirche war die Begeisterung für den Nationalsozialismus groß. Wir wissen, auch Pastor Stellbrink gehörte anfangs zu seinen Anhängern.

Aber irgendwann änderte sich etwas. Vielleicht zunächst nur vereinzelt, aufgrund eines Anlasses. Ein jüdischer Nachbar, auf einmal verschwunden. Ein Brief, auf einmal zensiert. Ein Gottesdienst, auf einmal bewacht. Und wer erst einmal ein Fragezeichen hat, und darauf in seinem Gewissen keine lösende Antwort findet, der denkt doch weiter! Der oder die fragt doch nach.

Denn wir Menschen können nicht in der Lüge leben, sonst gehen wir zugrunde. Wir brauchen die Wahrheit. So wie es im Johannesevangelium in einmaliger Präzision heißt: Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen (Johannes 8,32)

Worte wie diese mögen es gewesen sein, die manch Christenmenschen wieder zu Recht gebracht haben. Die ihnen halfen, ihren Gewissenskonflikt zu erkennen, zu schärfen und zu klären.

Und so nahm die Wahrheit ihren Lauf. Mit einem geradlinigen Kaplan Johannes Prassek, der öffentlich fragte „Wer soll die Wahrheit sagen, wenn wir Priester es nicht tun“?

Und so haben sie sie gesagt. Sie haben es gewagt. Diese drei Kapläne. Und der lutherische Pastor. Sie haben den Mächtigen die Stirn geboten. Wurden – im wahrsten Sinne dieses Wortes – zum Affront.

Kaplan Prassek zum Beispiel; er übernahm die seelsorgliche Betreuung auch von polnischen Zwangsarbeitern.

Oder in der der katholischen Herz-Jesu Gemeinde: Dort diskutierten junge Männer, die eingezogen werden sollten, öffentlich über den Sinn dieses Krieges.

Oder die Predigten des Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen: Sie wurden gar handschriftlich untereinander weiter gegeben. Denn er fand deutliche Worte des Glaubens gegen die Tötung von Menschen mit Behinderung, „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ genannt und getan.

Und schließlich Pastor Stellbrink. Als im Zweiten Weltkrieg Ende März 1941 britische Flugzeuge Lübeck bombardiert hatten und dabei auch etliche Kirchen der Hansestadt schwer getroffen wurden, deutete er dies in der Lutherkirche in seiner Konfirmationspredigt mit regimekritischen Worten: Gott lässt seiner nicht spotten. Ihr werdet es sehen.

Überall wurde sie gesagt, die Wahrheit. In der Seelsorge, auf den Kanzeln, in der Jugendarbeit. Unaufhörlich. Prägnant. Bewundernswert mutig. Und unerhört interkonfessionell.

Und so wurde nicht nur die biblische Wahrheit selbst, sondern die Wahrhaftigkeit dieser Geistlichen ein ökumenischer Schatz. Mit jedem Jahr ihres Gedenkens würdigen wir dies. Und indem wir dies tun, bringt es uns doch auch voran. Erinnerung hat eine Schwester, die Hoffnung. Und die gibt uns auf zu lernen. Uns eben ökumenisch in unserer ganzen fulminanten Unterschiedlichkeit auf die Suche zu begeben nach der Wahrhaftigkeit und dem Verbindenden. Selbst wenn wir Rückschläge erleben.

Denn wir werden heute gebraucht, liebe Schwestern und Brüder. Als Christen, die sich einig sind, dass unsere Lebenshoffnung ebenso in die Welt gehört wie unser Widerwort. Hoffnung braucht das Widerwort gegen die zunehmende Intoleranz in unserer Gesellschaft, gegen die Schwarz-Weiß-Parolen an Wohnzimmertischen, gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus.. Gerade vorgestern erst haben Neonazis sämtliche Stolpersteine in Greifswald heraus gerissen. Und wir, wir werden sie wieder einsetzen! Es braucht Menschen, die sich einig sind, dass es keine humane Zukunft gibt ohne die Erinnerung und das ehrende Gedenken. Erinnerung an Menschen, die wahrhaftig für ihren Glauben einstehen wie die vier Lübecker Märtyrer.

Ich erlebe allerorten ein Sehnen nach Wahrhaftigkeit. Nach wahrhaftiger Rede, auch wenn sie Schwieriges zu sagen hat. Nach Glaubwürdigkeit von öffentlichen Personen, die dazu stehen, was sie überzeugt und was sie als wahr erkannt haben. Die etwas bekennen, dabei aber auch wissen, dass sie irren können. Es gibt ein Sehnen nach Wahrhaftigkeit, die von den Grenzen des Menschlichen weiß und sich nicht der öffentlichen Maßregelung all des Unperfekten unterwirft. Ja, viele spüren, glaube ich, dass mit christlicher Wahrhaftigkeit endlich auch das Erbarmen wieder Einzug halten könnte.

Also. Trauert nicht wie die, die keine Hoffnung haben – die Erinnerung an die vier Märtyrer hat große Kraft. Indem sie uns mit Schwester Hoffnung fragen lässt: Was denn nun ist unsere ökumenische Hoffnung? Wer braucht heute Trost und Klarheit, Zuwendung und Fürbitte, wer unsere Ehrlichkeit und unseren Protest?

In unserer so reichen Stadt mit ihrem Glamour sind es doch die Schattenkinder, mein Gott. Fast ein Viertel lebt in prekären Verhältnissen.

In unserem so reichen Land mit einer so langen Friedenszeit sind es doch die Kriegsflüchtlinge heutiger Zeit, mein Gott. Tausende ertrinken vor den hochmunitionierten Grenzzäunen Europas.

In unserer Welt sind es doch die Kriege. Gewaltherrschaft und Diktatur, mein Gott. wie lange schon schauen wir auf den grauenvollen Bürgerkrieg in Syrien.

Erinnert euch, sagt Schwester Hoffnung: Kennt ihr nicht auch Armut und Hunger, damals im Krieg? Kennt ihr nicht auch, wie es war als Flüchtling, der seine Heimat verlor? Kennt ihr nicht auch das Erschrecken vor den Gräueln einer Diktatur?

Erinnert euch und dann: trauert nicht wie die, die keine Hoffnung haben. Die denken, da wäre nichts zu tun. Man habe keinen Einfluss. Man könne nichts ändern. Habe keine Wahrheit zu bekennen, keine Kraft, die etwas gegen die Mächtigen auszurichten hätte.

Im Gegenteil, liebe Christenmenschen, wir haben von einer Schwester Hoffnung zu erzählen, die sich nicht zufrieden gibt mit bestehenden Verhältnissen. Die sagt: Selig sind die, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit. Die uns den Blick hebt und nach vorn sehen lässt. Die uns mit Trost stärkt, zum Affront ermutigt und uns an die Liebe glauben lässt, die höher ist als alle Vernunft. Ganz wahrhaftig.

Bleibt mir, einem der vier Märtyrer das letzte Hoffnungswort zu lassen. Kaplan Hermann Lange schreibt in anrührender Weise am 10. November 1943 an seine Familie: „Trauert nicht um mich, denn ich gehe jetzt in das Land, wo es keine Tränen mehr gibt! Und dann bitte ich euch, euer künftiges Leben so innerlich zu führen, stark im Glauben, Hoffnung und Liebe, dass wir einst, wenn auch eure Stunde schlägt, uns oben vereint wieder finden!“

Gesegnet sein Leben, gesegnet ihr Lieben, gesegnet unser Hoffen – denn er, dessen Friede höher ist als alle Vernunft, bewahrt unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Wahrheit und Licht der Welt.

Amen.

 

Info



Bischöfin Kirsten Fehrs hielt die Predigt am 11. November 2012 zum ökumenischen Gottesdienst anlässlich des Todestages der Lübecker Märtyrer in der St.-Pauli-Kirche in Hamburg. Der Predigtext war 1.Thessalonicher, Auszüge aus Kapiteln 4 und 5.

 

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Text der Predigt auf der Seite der Nordkirche