Besuch im Lübecker Katharineum: Verfolgung junger Menschen in Lübecks zur NS-Zeit
Am Freitag, den 28. August waren Dr. Gerhard Eikenbusch, Martin Herrnkind und Jochen Proske zu Gast im Geschichts-Profilkurs des Katahrineums. Die beiden Schüler Jon Karpa und Marlene Kitzrow schreiben über die Arbeitseinheit:
Verfolgung junger Menschen in Lübecks NS-Zeit
Am Freitag, 28. August, hatte das neue Geschichtsprofil des E-Jahrgangs das Privileg, einen Einblick in aktuelle Forschungen zum Leben von Kindern und Jugendlichen in der NS-Zeit zu gewinnen. Im Anschluss an einen Besuch der Ausstellung „Deine Anne“ über Anne-Frank in der Jakobi-Kirche, setzten wir uns in einem Workshop mit NS-Schicksalen jüdischer Kinder und Jugendlicher aus Lübeck auseinander. Über viele von ihnen ist bisher kaum etwas bekannt.
Um die Aufarbeitung dieser Lücke in der Forschung bemühen sich der Germanist und Schriftsteller Dr. Gerhard Eikenbusch, der Kriminologe Martin Herrnkind und Jochen Proske, Leiter der Gedenkstätte Lübecker Märtyrer.
Uns sprachen die drei nicht als passive Zuhörer eines akademischen Vortrages an, sondern als Multiplikatoren, deren Verantwortung es ist, das Gehörte weiterzuerzählen, um die Erinnerung an die Schicksale jüdischer Kinder und Jugendlicher aus Lübeck wach zu halten.
In ihrem Vortrag erläuterten sie die Struktur der Verfolgung in fünf Stufen von der öffentlichen Abwertung über den Ausschluss aus Schule, Sport und Öffentlichkeit, verwaltungstechnische Erfassung und Kontrolle bis hin zu Enteignung, Vertreibung und schließlich Deportation und Ermordung.
Sie berichteten von verschiedenen Orten der Verfolgung, zu denen wie alle weiterführenden Schulen Lübecks auch das Katharineum gehörte. Zu Beginn der NS-Zeit lebten in Lübeck etwa 500 Menschen jüdischen Glaubens unter insgesamt 130.000 Einwohnern. An den Schulen lag die Mitgliedschaftsquote in der HJ bei 85–95 %. Als eine von den Nationalsozialisten verfolgte Person konnte man der HJ nicht beitreten, was automatisch mit Ausgrenzung einherging.
Drei Schicksale wurden genauer geschildert, Immanuel Häusler (Schüler des Johanneums, Flucht in einem Kindertransport nach Schweden), Werner Schenk (Aufnahme am Katharineum aus antisemitischen Gründen verweigert, überlebte dank mutigen Helferinnen, die ihn in Lübeck bis Kriegsende versteckten) sowie die Geschwister Max, Martin und Margot Prenski, die verhaftet, deportiert und ermordet wurden.
An ihren Lebensläufen konnte man deutlich erkennen, dass die Beteiligung an der Verfolgung und Ausgrenzung nicht nur auf den Staat beschränkt war, sondern erst durch die Kooperation von weiten Teilen der Bevölkerung ermöglicht wurde. Denunziationen waren alltäglich und sind in den Akten der Archive bis heute dokumentiert. Der Überwachungsstaat funktionierte eben nicht nur durch die Gestapo, sondern auch durch verschiedenste Einheiten der Polizei sowie durch staatliche Institutionen wie das Gesundheitsamt, das Jugendamt, die Schulbehörden, die Finanzämter und viele mehr.
Uns ist wichtig, auch festzuhalten, dass der Terror des NS-Regimes im Jahr 1945 noch nicht beendet war. Viele Nationalsozialisten konnten in ihren hohen Ämtern bleiben, während Verfolgte weiterhin unter den Verlusten und Einschränkungen litten – sowohl psychisch als auch physisch. Beantragte man beispielsweise eine Entschädigungszahlung für das erlittene Leid, kam es vor, dass man auf dem Amt Tätern gegenüberstand, die einem dieses Leid mit zugefügt hatten und Entschädigung oft sogar verweigerten.
Wir konnten aus dem Vortrag viel mitnehmen, was uns in den weiteren Jahren im Geschichtsprofil und auch darüber hinaus begleiten wird. Es gab Einblicke in den Umgang von Historikern mit Quellen, in Recherchetechniken und Archivarbeit. Vor allem aber ging es um eine Haltung: Nicht nur passive Zuhörer zu sein, sondern Verantwortung zu übernehmen, indem wir alle diese Geschichten weitertragen und aus ihnen lernen.
Wir danken Dr. Gerhard Eikenbusch, Martin Herrnkind und Jochen Proske für die Chance, einen vertieften Einblick in aktuelle Forschung zur Geschichte des Nationalsozialismus in Lübeck zu bekommen sowie Frau Gerresheim, der Michael-Haukohl-Stiftung und der Gedenkstätte Lübecker Märtyrer, über die unser Workshop im Rahmenprogramm der Ausstellung „Deine Anne“ organisiert wurde.








