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10. Jahrestag der Seligsprechung - Erzbischof Dr. Werner Thissen erinnert sich

„Das geht so nicht" - Interview mit Erzbischof em. Werner Thissen

Dass es zu einer Seligsprechung der vier Lübecker Märtyrer kommen sollte, war lange kaum denkbar. Werner Thissen (82), damals Erzbischof von Hamburg, erinnert sich an die Vorgeschichte der Seligsprechung und an die Hürden, die dabei zu überwinden waren.

Herr Erzbischof, Sie kamen Anfang 2003 aus Münster. Im Norden sind die Lübecker Märtyrer den meisten Katholiken ein Begriff. Wie war das in Münster? Kannten Sie diese Männer und ihre Geschichte?

Die Lübecker Märtyrer waren mir lange, vielleicht schon seit Schulzeiten, vertraut. Ich wusste aber anfangs nicht, dass es vier waren, ich wusste nur von den drei katholischen Kaplänen. Das änderte sich in Hamburg schnell. Ich war gerade angekommen, da fragte mich der Lübecker Propst Helmut Siepenkort: „Können Sie am 10. November nach Lübeck kommen? Es ist der 60. Jahrestag des Martyriums." Da guckte ich in den Kalender und sah, dass ich an diesem Tag eine lange verabredete Verpflichtung hatte. Dann haben wir überlegt, was wir machen. Ich war neu im Norden und meinte, der Feier sollte ein viel bekannterer Mann vorstehen als ich. Ich habe dann Karl Lehmann angerufen, der ist dann gekommen. Es war auch gut so. Der Kardinal und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz gab dieser Gedenkfeier ein ganz anderes Gewicht.

Aber Kardinal Lehmann konnte als Bischof von Mainz keine Seligsprechung vorantreiben. Das haben Sie getan. Wie kam es dazu?

Ja. Propst Siepenkort sagte damals: „Auch wenn Kardinal Lehmann da ist – Sie müssen als unser Bischof auch bald kommen." Eine Woche vor dem 10. November gab es einen festlichen Gottesdienst. Das war das erste Mal, dass ich in Lübeck war. Ich hatte überlegt, ob ich eine Seligsprechung in dieser Feier direkt anspreche. Das habe ich nicht getan, das Thema nur etwas angedeutet. Nachher gab es einen Empfang bei Bürgermeister Saxe und danach eine Ausstellungseröffnung im Burgkloster. Und da habe ich gedacht: Jetzt sagst du es einfach! Ich habe über die Verehrung der Märtyrer gesprochen und gesagt: „Verehrung heißt auf katholisch: Seligsprechung."

Und dann?

Dann gab es Protest. Ich bekam richtig Gegenwind. Mein Eindruck war, noch stärker von unseren Leuten als von der evangelischen Seite. Man sagte: Dann werden die vier auseinandergerissen, und das dürfe auf keinen Fall passieren.

Das war ja immer ein Grundsatz gewesen: „Sag niemals drei, sag immer vier."

Ich sah das genauso. Aber ich hatte im Hinterkopf, dass Papst Paul VI. die Märtyrer von Uganda heilig gesprochen hatte, auch sie waren nicht alle katholisch. Mir war aber klar – wir machen es nur einvernehmlich. Die ökumenische Gemeinsamkeit hat bei den Lübecker Märtyrern eine so große Bedeutung, sie muss auf jeden Fall bleiben und weiter wachsen.

Das Einvernehmen musste aber erst einmal hergestellt werden. Wie ging das?

Alles hat sich auf schwierigen Wegen sehr gut entwickelt. Der nächste Schritt war: Ich ging zur evangelischen Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter. Sie war für den Sprengel Holstein-Lübeck zuständig. Da habe ich weit ausgeholt und lange drumherum geredet. Und ich merkte, dass sie nicht einverstanden war. Aber das fand ich von ihr sehr fair: Sie hat klar gesagt: „Bruder Thissen, das geht nicht."

Das klingt nicht nach einer Fortsetzung. Wäre es nicht klug gewesen, den Plan zu begraben?

Nein, ich merkte in den folgenden Wochen, dass auch in der evangelischen Kirche Menschen bereit waren, zumindest 'mal gemeinsam zu überlegen. Außerdem habe ich mich bei Bischof Franz-Josef Bode vergewissert, dass ihm persönlich und sehr vielen im Bistum Osnabrück die Seligsprechung ein Anliegen war. Die drei Kapläne waren ja im Dom zu Osnabrück zu Priestern geweiht worden.

Mir kam sehr zu Hilfe, dass wir einen ökumenischen Arbeitskreis gegründet hatten. Unter anderem sollte dieser Kreis das Leben von Karl Friedrich Stellbrink in den Blick nehmen. Von seiner Biografie war weniger bekannt als vom Leben der drei Kapläne. Die Leitung hatten zeitweise Sebastian von Melle und lange Bischof Karl Ludwig Kohlwage. Bischof Kohlwage hatte sich schon für die Rehabilitierung Pastor Stellbrinks in seiner Kirche eingesetzt. Ich bewundere ihn noch heute dafür, wie er die Wogen geglättet hat und die Sache nüchtern auf den Punkt gebracht hat.

Was hat der Arbeitskreis zum Thema Seligsprechung beigetragen?

Er hat vor allem sehr viel Material zusammengetragen, das nachher sehr wertvoll war. Nachdem diese Arbeit abgeschlossen war, habe ich vorgeschlagen: Wir machen eine gemeinsame Feier. Seligsprechung auf katholischer Seite; und wie die evangelische Kirche diese Feier einordnet und benennt, das legt sie selber fest.

Und auf diesen Vorschlag sind die Partner eingegangen?

Ja. Inzwischen hatte sich etwas geändert. Die Nordkirche war gegründet, Bischof Gerhard Ulrich war im Amt. Er war bei allen weiteren Schritten äußerst hilfreich. Er nahm mir ab, dass mir die Seligsprechung ein echtes ökumenisches Anliegen war. Wir hatten einen Entwurf für einen ökumenischen Gottesdienst: Seligsprechung der drei Kapläne und ehrendes Gedenken für Pastor Stellbrink. Mit diesem Entwurf sind Bischof Ulrich und ich zu Kardinal Amato nach Rom gefahren.

Kardinal Amato war Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen, also der oberste Zuständige. Mussten Sie dort persönlich vorsprechen?

In Münster hatte Bischof Lettmann mehrere Seligsprechungen beantragt. Er hatte Erfahrung damit, und er sagte immer: „Wenn man etwas in Rom erreichen will, muss man hinfahren." Also sind wir gefahren.

Und hat das funktioniert?

(lacht) Nein. Das gleiche, das mir bei Bischöfin Wartenberg-Potter passiert war, passierte jetzt bei Kardinal Amato. Wir haben ihm den Plan vorgetragen und er sagte: „Ausgeschlossen. Das geht nicht."

Was war der Grund?

Ja, ich kann das wohl verstehen: Noch vor wenigen Jahren hatte der Papst persönlich jede Seligsprechung in Rom vorgenommen. Und jetzt eine Seligsprechung in einem ökumenischen Gottesdienst in Lübeck? Das war völlig unrömisch. Es war vielleicht etwas zu forsch von mir, so etwas überhaupt vorzuschlagen.

Und wie ging es weiter?

Bischof Ulrich und ich, wir haben uns angeguckt und gesagt: Der einzige, der uns jetzt noch retten kann, ist Kardinal Kasper. Also sind wir zu Walter Kasper in Rom gegangen. Er fand den Plan großartig, meinte aber: „Ihr müsst verstehen, dass das so, wie ihr euch das vorstellt, noch nicht geht." Dann haben wir eine andere Lösung gefunden: Die Seligsprechung in einem katholischen Gottesdienst mit evangelischer Beteiligung, am Vorabend ein evangelischer Gottesdienst mit katholischer Beteiligung.

So wie es dann auch geschehen ist...

Ja. Nur hatten wir eigentlich geplant, dass in der Messe mit der Seligsprechung Bischof Ulrich die Predigt hält, und davor im Gottesdienst in der Lutherkirche predigt Kardinal Kasper. Auch das wurde von Kardinal Amato herausgestrichen. Am Ende hat Kardinal Kasper in beiden Gottesdiensten gepredigt. Bischof Ulrich hat vor der Messe eine Statio gehalten. Schön war, dass beide Gottesdienste sehr gut besucht waren. Es waren beides würdige und herzerfrischende Feiern.

Ein Argument, die Seligsprechung zügig anzugehen, war: Es gab noch Menschen, die die Märtyrer erlebt hatten und als Zeugen aussagen konnten. Wie wichtig war das für das umfangreiche Verfahren, das der Entscheidung vorausging?

Ich merkte: Als die Beteiligten in den einzelnen Kommissionen Feuer gefangen hatten, da bekam die Sache Schwung. Es stimmt: Die Zeitzeugen, mit denen Interviews gemacht wurden, leben heute fast alle nicht mehr. Und durch die Aussagen der Zeitzeugen bekam alles eine große Überzeugungskraft. Besondere Verdienste hat Professor Voswinckel, der jahrelang das Material geordnet, viele Akten und Briefe überhaupt erst gefunden hat. Was aber für eine Seligsprechung immer entscheidend ist, ist die durchgehende Verehrung der Seligen. Und das war in Lübeck ja der Fall, durch eine ganz starke, Jahrzehnte dauernde Tradition.

Wie steht es heute um diese Tradition? Das Großereignis Seligsprechung, ist das eine Basis, die morgen noch trägt?

Es ist schwerer, einen Schwung aufrecht zu erhalten als ihn auszulösen. Aber es ist noch Weiteres geschehen. Etwa die Errichtung der Gedenkstätte in Lübeck. Es ist wichtig, dass man an einer Wallfahrtsstätte auch etwas sehen kann. Es gibt viele Besucher, Führungen und Wallfahrten, nicht nur die große Bistumswallfahrt 2017. Auch in der evangelischen Kirche ist das Gedenken an die vier Märtyrer noch lebendiger geworden. Es wächst das Bewusstsein. Die vier Märtyrer verbinden uns. Sie sind ein herausragendes Signal.

Gibt es etwas, was die Tradition noch bereichern würde?

Was sicher entwicklungsfähig ist, ist der liturgische Gedenktag am 25. Juni. Wir wollten eigentlich den 10. November als Gedenktag. Aber aus Rom kam eine Absage. Das war schon der Gedenktag von Papst Leo I. Erst habe ich mich geärgert, aber heute bin ich ganz froh darüber. Denn jetzt haben wir zwei Gedenktage. Der Todestag der vier Märtyrer am 10. November ist ohne Konkurrenz. Und der 25. Juni, das ist im Sommer! Da kann man viel mehr machen als im November.

Interview: Andreas Hüser, Neue Kirchenzeitung