Sprache

Schriftgröße

10. Jahrestag der Seligsprechung - Gastbeitrag von Kardinal Kasper

Lübecker Märtyrer – Freiheit und Freude der Hoffnung
Ein Gastbeitrag von Kardinal Walter Kasper. 

Kardinal Kasper (88) gilt als ehemaliger Dogmatik-Professor, Bischof und Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen als führender katholischer Ökumene-Experte. Er hat die Seligsprechung unterstützt und in den Feiern 2011 die Predigt gehalten. Zehn Jahre danach ist für ihn dieser Tag noch gut im Gedächtnis.

Die Seligsprechung der drei Lübecker Kapläne Johannes Prassek, Hermann Lange, Eduard Müller und des lutherischen Pastors Karl Friedrich Stellbrink vor zehn Jahren bewegt mich noch heute. Nochmals habe ich die Abschiedsbriefe gelesen, welche die vier am Tag ihrer Hinrichtung am 10. November 1943 geschrieben haben. Es ist derselbe Ton, wie ich ihn aus der Märtyrerberichten der ersten christlichen Jahrhunderte kenne. Nichts von Panik, nichts von Angst und nichts von Trauer. Vielmehr innere Ruhe, Gelassenheit, Freude. „Heute kommt die größte Stunde meines Lebens", schreibt der Jüngste von ihnen, erst ganze 31 Jahre alt. Ein anderer: „In mir die große Freude der Hoffnung." „Was mich erwartet, ist Freude und Glück."

Die das schrieben, waren keine verschrobenen Spinner. Die drei Kapläne waren junge Menschen, die das Leben und die Menschen liebten; sie waren alles andere als lebensmüde und depressiv. Pastor Stellbrink war Familienvater, der seine Frau Hildegard und fünf Kinder zurückließ. Da fragt man sich: Wie sind solche Abschiedsbriefe möglich?

Die vier ließen sich nicht anstecken von der Begeisterung für die Nazi-Wahnideen von einem Tausendjährigen Reich. Sie ließen sich auch nicht lähmen von der Angst vor der allgegenwärtigen Gestapo. Sie hatten im Gewissen einen inneren Kompass und einen hellwachen Spürsinn, dass die Nazipropaganda verlogen, der Krieg ungerecht und die Tötung zehntausender behinderter Kinder, die Vergasung – wie wir heute wissen – von Millionen Juden und anderer ethnischer Gruppen ein himmelschreiendes Verbrechen war. Sie wollten nicht Nach- und Mitläufer werden, sich nicht bequem anpassen und nicht, wie leider viele, schweigen. Sie folgten nicht dem, was man sagt und was man tut, sie folgten ihrem inneren Kompass und wussten, man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Sie hatten keine Angst, auch nicht angesichts des Todes. Sie glaubten an den lebendigen Gott, der noch über den Tod hinaus Leben, Freude und Glück schenkt. Ihr Glaube hat die Angst und den Tod besiegt. „Wer sterben kann, wer will den zwingen?", so hat es Johannes Prassek während seiner Haftzeit vorne in sein Neues Testament geschrieben. Wer selbst vor dem Fallbeil keine Angst hat, der ist frei, auch wenn er in Fesseln abgeführt wird. Der Glaube an den lebendigen Gott, der Leben schenkt und Leben verheißt, hat sie immun und unbesiegbar gemacht. Darum gilt ihnen Jesu Wort in der Bergpredigt: „Selig ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet" (Matthäus 5,10 f).

Die Seligsprechung vor zehn Jahren ist Anlass zu einer doppelten Gewissenserforschung: Was ist uns das Gewissen wert? Und was fehlt, wenn der Glaube gleichgültig wird und erlischt?

Haben wir heute den Mut und die Kraft, unangepasste Christen zu sein, die, wenn es sein muss, auch mal gegen den Strom schwimmen? Ja, es gibt auch heute solche Christen. Zu keiner anderen Zeit hat es so viele Christenverfolgungen gegeben wie heute in vielen Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. Bei uns wird niemand wegen seines christlichen Glauben verfolgt und getötet. Man rümpft vielleicht die Nase, verzieht spöttisch das Gesicht, hält uns für ewig Gestrige. Das ist unangenehm, tut auch weh, aber daran stirbt man nicht.

Doch wenn uns der Glaube nichts mehr bedeutet, dann fehlt nicht etwas, dann fehlt am Ende alles. Dann wankt, wenn es schlimm kommt, der Boden unter unseren Füßen. Dann tappen wir im Dunkeln und leuchtet uns am Horizont kein Stern der Hoffnung mehr. Dann geht die Angst um, und solche Angst ist eine Signatur unserer Zeit. Nochmals: Wenn der Glaube an Gott fehlt, fehlt alles.

In nur 30 Minuten sind die vier Lübecker Märtyrer unter dem Fallbeil zu Tode gekommen. Noch 78 Jahre nach ihrem Tod und zehn Jahre nach ihrer Seligsprechung sind sie hochaktuell. Sie fragen uns: Wo ist bei euch die Freude der Hoffnung geblieben? Die Hoffnung, ohne die man nicht leben und nicht gut sterben kann, die Hoffnung noch angesichts des Todes, die im Leben das Glück der Freiheit und Freude schenkt.

Kardinal Walter Kasper, Rom